Trading-Strategie: Regeln so definieren, dass ein Bot sie umsetzen kann
Wer die Regeln seiner Trading-Strategie für einen Bot definieren will, stellt schnell fest: Eine Strategie, die man seit Monaten selbst handelt, wirkt eindeutig - bis sie jemand programmieren soll. Dann zeigt sich, wie viele Entscheidungen bisher still im Kopf getroffen wurden. Ein Bot kann nicht improvisieren. Jede Lücke im Regelwerk wird entweder zur Rückfrage oder zu einer Annahme des Entwicklers - das eine kostet Zeit, das andere im Zweifel deutlich mehr.
Der Test: Würden zwei Entwickler denselben Code schreiben?
Eine Regel ist dann eindeutig, wenn zwei Personen, die sie unabhängig voneinander umsetzen, auf jeder einzelnen Kerze zum selben Ergebnis kommen. Kaufe beim Ausbruch über das Hoch besteht diesen Test nicht: Welches Hoch? Reicht eine Berührung, oder muss eine Kerze darüber schließen? Ab welchem Abstand gilt es als Ausbruch, und auf welcher Kerze wird gehandelt? Jede dieser Fragen hat mehrere vernünftige Antworten - und jede führt zu anderen Trades.
Einstiegsregeln, die fast immer nachgeschärft werden müssen
- Ausbruch: Genügt eine Berührung des Niveaus, oder muss eine Kerze jenseits davon schließen - und wie weit jenseits?
- Bezugspunkte: Welches Hoch genau - das des Vortags, der laufenden Session oder der letzten zwanzig Kerzen? Und wann beginnt der Tag überhaupt?
- Indikatorbedingungen: Überverkauft braucht einen Schwellenwert, eine Periode und die Angabe, ob der Wert die Schwelle kreuzen oder nur darunter liegen muss
- Zeitpunkt der Auswertung: Wird erst nach Schluss der Kerze gehandelt oder sobald die Bedingung während der Kerze erfüllt ist? Das ist der Unterschied zwischen einem stabilen und einem flackernden Signal
Ausstieg und Risiko: mehr als Stop und Ziel
- Stop und Ziel in Ticks, Punkten, Prozent oder relativ zu einer Struktur - immer mit einem Beispielwert, damit keine Einheiten verwechselt werden
- Nachziehen des Stops: ab wann, in welchen Schritten und auf Basis welcher Kerze
- Zeitausstieg: ob eine Position zum Handelsschluss oder nach einer bestimmten Dauer geschlossen wird
- Positionsgröße: fest, aus dem Risiko pro Trade berechnet oder an die Volatilität angepasst
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Projekt anfragenDie Sonderfälle, an die fast niemand denkt
Die eigentlichen Lücken liegen selten im Einstieg, sondern in Situationen, die manuell so selten vorkommen, dass man sie intuitiv löst. Ein Bot braucht für jede davon eine ausdrückliche Antwort:
- Stop und Ziel innerhalb derselben Kerze erreicht: Aus Kerzendaten allein ist nicht erkennbar, was zuerst kam. Regelwerk und Backtest brauchen dafür eine feste Annahme
- Neues Signal bei offener Position: ignorieren, aufstocken, umkehren oder die bestehende Position schließen?
- Gegensignal: Beendet ein Signal in die Gegenrichtung die laufende Position, oder ausschließlich Stop und Ziel?
- Teilausführung: Was passiert, wenn eine Limit-Order nur teilweise gefüllt wird - Rest stehen lassen, nachziehen oder stornieren?
- Neustart: Wie verhält sich der Bot, wenn er mit einer bereits offenen Position wieder gestartet wird?
- Häufung: Gibt es eine Höchstzahl an Trades pro Tag oder pro Session, und gilt sie auch nach einem Verlust?
Was außerdem in die Beschreibung gehört
- Markt, Kontrakt und Zeitrahmen, auf denen die Strategie laufen soll
- Handelszeiten in Börsenzeit, einschließlich des Verhaltens kurz vor Handelsschluss
- Ein oder zwei Chart-Screenshots mit markierten Beispielen - ein Bild klärt oft mehr als ein ganzer Absatz
- Welche Werte später einstellbar sein sollen und welche fest im Code bleiben dürfen
- Das gewünschte Ergebnis: ein Indikator mit Signalen, ein Alarm oder ein vollautomatischer Bot
Wie aus einer solchen Beschreibung Schritt für Schritt ein fertiger Bot wird, steht im Beitrag zu automatisierten Handelsstrategien auf ATAS.
Warum der Zeitpunkt der Auswertung so viel ausmacht, behandelt der Beitrag zu Repainting.
Häufige Fragen
Muss ich programmieren können, um meine Strategie zu beschreiben?
Nein. Gebraucht wird eine präzise Beschreibung in normaler Sprache, keine Codezeilen. Entscheidend ist, dass jede Bedingung so formuliert ist, dass sie sich auf jeder Kerze eindeutig mit Ja oder Nein beantworten lässt.
Was ist, wenn meine Strategie einen Ermessensspielraum hat?
Teile, die auf Erfahrung oder Gefühl beruhen, lassen sich nicht direkt automatisieren. Oft gibt es aber eine messbare Annäherung - oder der Bot übernimmt nur den eindeutigen Teil und meldet den Rest per Alarm zur manuellen Entscheidung.
Wie ausführlich sollte die erste Anfrage sein?
Für eine erste Machbarkeitseinschätzung reichen Einstieg, Ausstieg und Markt. Die Sonderfälle lassen sich danach gemeinsam klären - je früher sie auf dem Tisch liegen, desto genauer wird das Angebot.
Kann ich die Regeln später noch ändern?
Ja. Wie groß der Aufwand ist, hängt davon ab, wie grundlegend die Änderung ausfällt: Ein anderer Schwellenwert ist schnell angepasst, eine neue Logik für offene Positionen nicht. Deshalb lohnt es sich, gerade die Sonderfälle vor Beginn festzulegen.
Ein eindeutiges Regelwerk ist kein Formalismus, sondern die Voraussetzung dafür, dass der Bot das handelt, was gemeint war. Die Zeit, die in die Sonderfälle fließt, ist fast immer kürzer als die, die eine einzige falsche Annahme später kostet.
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