Backtest auswerten: Welche Kennzahlen bei einem Trading-Bot wirklich zählen
Wer einen Backtest auswertet, bekommt fast immer dieselben Kennzahlen: Nettogewinn, Trefferquote, Profit Factor, maximaler Drawdown. Dazu kursieren Richtwerte, ab wann eine Strategie als gut gilt. Solche Schwellen sind Faustregeln ohne festes Fundament. Wichtiger ist zu verstehen, was jede Zahl tatsächlich misst - und wo sie bei einer automatisierten Strategie in die Irre führt.
Trefferquote: allein ohne Aussage
Eine hohe Trefferquote fühlt sich gut an, sagt aber nichts, solange das Verhältnis von durchschnittlichem Gewinn zu durchschnittlichem Verlust fehlt. Eine Strategie, die sieben von zehn Trades gewinnt, bei Verlusten aber jeweils das Dreifache abgibt, verliert Geld. Eine mit vier Gewinnern von zehn kann profitabel sein. Aussagekräftig ist erst der Erwartungswert pro Trade, der beides zusammenführt.
Profit Factor: kompakt, aber empfindlich
Der Profit Factor teilt die Summe aller Gewinne durch die Summe aller Verluste. Er ist kompakt und gut vergleichbar, hat aber zwei Schwächen. Bei wenigen Trades schwankt er stark - ein einziger großer Gewinner kann ihn deutlich nach oben ziehen. Und er reagiert empfindlich auf Kosten: Liegt der durchschnittliche Gewinn pro Trade nur knapp über den Ausführungskosten, kippt ein solider Wert schon durch etwas mehr Slippage unter eins.
Maximaler Drawdown: eine Untergrenze, keine Obergrenze
Der maximale Drawdown ist der größte Rückgang vom Höchststand der Kapitalkurve bis zum folgenden Tief. Er wird gern als das Schlimmste gelesen, was die Strategie anrichten kann. Tatsächlich ist er nur das Schlimmste, was auf genau diesem einen historischen Pfad passiert ist. Dieselben Trades in anderer Reihenfolge hätten einen tieferen Rückgang ergeben können, und die Zukunft hält sich an keine Reihenfolge. Sinnvoller ist es, den historischen Wert als Mindestmaß zu behandeln und das Risiko so zu planen, dass auch ein deutlich tieferer Rückgang tragbar bleibt.
Die Kennzahlen, die selten jemand anschaut
- Anzahl der Trades: Wenige Trades machen jede andere Kennzahl unsicher, egal wie gut sie aussieht
- Längste Verlustphase, in Trades und in Kalenderzeit: Wochen ohne neuen Höchststand entscheiden oft mehr über das Durchhalten als die Tiefe des Drawdowns
- Verteilung über die Zeit: Stammt das Ergebnis gleichmäßig aus dem gesamten Zeitraum oder fast vollständig aus einer einzigen Marktphase?
- Zeit im Markt: Wie lange ist eine Position offen und damit Risiken ausgesetzt, die der Backtest nicht abbildet, etwa Kurslücken über Nacht
Dein Backtest sieht gut aus - aber hält er?
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Projekt anfragenDrei Gegenproben, bevor man einer Auswertung traut
- Die besten Trades herausnehmen: Bleibt die Strategie profitabel, wenn die fünf größten Gewinner fehlen? Hängt das Ergebnis an wenigen Ausreißern, ist es kaum wiederholbar
- Kosten erhöhen: Wie sieht das Ergebnis aus, wenn die angenommenen Kosten pro Trade verdoppelt werden? Eine Strategie, die das nicht übersteht, hat kaum Spielraum für die Realität
- Zeitraum teilen: Liefern beide Hälften des Testzeitraums ein ähnliches Bild, oder lebt das Gesamtergebnis von einer der beiden?
Warum ein zu gutes Ergebnis selbst ein Warnsignal sein kann, steht im Beitrag zu Overfitting bei Trading-Strategien.
Wie realistische Ausführungskosten in die Bewertung einfließen, behandelt der Beitrag zu Slippage im Trading-Bot.
Häufige Fragen
Ab welchem Profit Factor ist eine Strategie gut?
Eine allgemeingültige Grenze gibt es nicht. Ein Wert knapp über eins ist meist zu dünn, um Kosten und Abweichungen im Livebetrieb zu überstehen. Ein sehr hoher Wert bei wenigen Trades ist eher ein Hinweis auf Überanpassung als ein Qualitätsmerkmal. Entscheidend ist, ob der Wert die Gegenproben übersteht.
Wie viele Trades braucht ein aussagekräftiger Backtest?
Je mehr, desto belastbarer - eine feste Zahl gibt es nicht. Wenige Dutzend Trades reichen in der Regel nicht, um zufällige von systematischen Ergebnissen zu unterscheiden, besonders wenn das Ergebnis stark von einzelnen Trades abhängt.
Was ist wichtiger: Drawdown oder Gewinn?
Zuerst der Drawdown, weil er bestimmt, ob die Strategie überhaupt durchgehalten wird. Ein hoher Gewinn nützt wenig, wenn der Weg dorthin einen Rückgang verlangt, bei dem die Strategie vorher abgeschaltet wird.
Sollte ich die Kennzahlen auch live weiterverfolgen?
Ja. Weichen Trefferquote, durchschnittlicher Gewinn und Verlust live deutlich vom Backtest ab, ist das ein früher Hinweis - entweder auf eine veränderte Marktphase oder auf einen Unterschied zwischen Test und Umsetzung.
Keine einzelne Kennzahl beantwortet die Frage, ob eine Strategie taugt. Zusammen mit den Gegenproben zeigen sie aber recht zuverlässig, ob ein gutes Ergebnis auf einer breiten Basis steht - oder auf ein paar glücklichen Trades und optimistischen Annahmen.
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